Weniger Alkohol, mehr Kreatin

Warum Frauen den Kraftraum erobern

Frau hebt eine schwere Langhantel unter grosser Anstrengung

Immer mehr Frauen entdecken den Kraftsport für sich – und mit ihm neue Formen der Körperwahrnehmung und des Lebensstils. Heute geht es um Kraft, Leistung und Präsenz, während früher Kalorienzählen und Schlanksein im Fokus standen. Das Gym wird zum Ort der Selbstermächtigung – und zur Bühne für die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Rollenbildern.

Text, Bilder und Videos von Denise Jacob

«Ich habe im Versteckten trainiert – immer dann, wenn mein Mann nicht zuhause war, habe ich an seinen Geräten geübt», sagt Anja Behnken. Nach ihrer Flucht aus der DDR lebte sie mit ihrer Familie in Westdeutschland. In einer Lebensphase, die für sie schwierig war, traf Behnken eine bewusste Entscheidung. «Ich wollte mich sicher fühlen. Für meine Kinder. Und für mich.» Sie wollte körperlich und mental stärker werden.

Was als Ausweg begann, ist heute ihr Lebensstil: strukturiert, diszipliniert, selbstbestimmt. Heute steht sie als Bodybuilderin in der «Physique»-Klasse auf der Bühne – einer der härtesten Kategorien des Sports, in dem Arnold Schwarzenegger zur Ikone wurde. «Athletische, weibliche Körper finde ich mega schön», sagt sie.

Im Sportstudio Ottwald im hessischen Kelsterbach – geführt von Stefan Hammerschmid, einem der deutschen Kraftsportpioniere – fiel ihr Rücken auf. «Die haben immer geguckt und gesagt: dein Rücken – du musst auf die Bühne», erzählt sie.

Bild von Oberschenkelmuskulatur Bild von Oberschenkelmuskulatur

Weiblichkeit unter Auflagen

Wie viel Kraft ein weiblicher Körper zeigen darf – und wie er dabei wahrgenommen wird – ist eine alte Diskussion. Im viktorianischen Zeitalter des 19. Jahrhunderts glaubte man, Frauen verfügten nur über eine begrenzte Menge Energie. Diese brauche es für Menstruation, Schwangerschaft und Stillen. Bewegung galt als gesundheitliches Risiko. An amerikanischen Colleges war es Studentinnen während ihrer Periode verboten, Treppen zu steigen – zu gross schien die Gefahr, ihre Fruchtbarkeit zu gefährden.

Im 20. Jahrhundert veränderten sich zwar die Möglichkeiten, nicht aber die Erwartungen. Als in den USA während des Zweiten Weltkriegs eine Frauen-Baseballliga gegründet wurde, mussten die Spielerinnen kurze Röcke tragen, Etikettekurse absolvieren und auf dem Spielfeld Lippenstift tragen – Sport war nur erlaubt, wenn Weiblichkeit sichtbar blieb.

Elise Harney, Pitcherin der Kenosha Comets, frischt zwischen den «Innings» ihr Make-up auf, während ihre Teamkollegin Janice O'Hara und eine weitere Spielerin zuschauen. Die Frauen der All-American Girls Professional Baseball League mussten sowohl auf dem Spielfeld als auch ausserhalb immer perfekt aussehen und erhielten daher eine «charm-school», in der ihnen beigebracht wurde, wie sie ihr feminines Aussehen pflegen konnten.

Frau, die Baseball spielt schminkt sich Frau, die Baseball spielt schminkt sich

Bild: Bettmann / Getty Images

Bild: Bettmann / Getty Images

Pumping Iron II: The Women

In den 1970er-Jahren wagten Frauen erste Schritte in den Kraftsport – doch auch hier galten klare Grenzen: Muskeln ja, aber bitte nicht zu viele. Als 1983 bei der Frauen-Bodybuilding-WM in Las Vegas muskulöse Athletinnen antraten, herrschte Verunsicherung. Die Jury wusste nicht, ob sie Muskelmasse oder «Weiblichkeit» bewerten sollte. Die Doku «Pumping Iron II: The Women» hielt diesen Moment – als die Bühne zum Schauplatz einer Auseinandersetzung über Körperbilder und gesellschaftliche Normen wurde – fest.

Der Trailer zum Film «Pumping Iron II: The Women»

Heute wird differenzierter bewertet, sagt Danijela Gallo, Präsidentin des Schweizer Bodybuilding- und Fitnessverbands: «In den meisten Verbänden gelten für Frauen wie Männer dieselben Hauptkriterien – Muskelqualität, Symmetrie, Bühnenpräsenz.» Entscheidend sei nicht das Geschlecht, sondern die Wettbewerbskategorie.

Im «Women’s Bodybuilding» stehen Muskelmasse und Härte im Fokus – ähnlich wie bei den Männerklassen. In Kategorien wie «Figure» oder «Bikini» dominiert ein stärker weiblich codiertes Ideal: weniger Muskelmasse, mehr Ästhetik. «So können unterschiedliche Körpertypen nebeneinander bestehen – ohne dass alles an einem einzigen Ideal gemessen wird», sagt Gallo.

Was in den 1980er-Jahren aufflammte – das Ringen um die «richtige» Dosis Weiblichkeit im Muskelkörper – wirkt bis heute nach. Studien zeigen: Für viele Frauen bleibt der Kraftsport ein Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach körperlicher Selbstbestimmung und gesellschaftlichen Schönheitsidealen.

Gleichzeitig werden Disziplin und Kontrolle über Ernährung und Training für viele zu einem Teil ihrer Identität. Muskelkraft steht dabei nicht nur für physische Stärke, sondern auch für ein neues Selbstverständnis von Weiblichkeit, das ebenso Bewunderung wie Irritation auslösen kann.

Zu viel für eine Frau?

Behnken kennt diese Bewertungen bis heute: «Sobald du aus dem Bild fällst, wird’s schwierig.» Für sie ist klar: Auch heute noch bestimmt die Gesellschaft mit, wie viel Kraft ein Frauenkörper zeigen darf.

Trotzdem: Behnkens Trainer Patrick Schenk, selbst über zwanzig Jahre im Wettkampf-Bodybuilding aktiv, beobachtet einen Wandel: «Frauen wollen heute auch mehr Muskeln. Das Schönheitsideal ist ein trainierter Körper – nicht einfach ein dünner.»

Für die 49-Jährige ist dieses Ideal Alltag. In der Offseason trainiert sie mit Aufwärmen, Kraft- und Ausdauertraining rund drei Stunden pro Tag, meist fünf Tage die Woche. «Richtig ballern», nennt sie das. «320 Kilo Beinpresse – wenn du danach kaum noch laufen kannst, ist es geil.»

Anja Behnken erzählt, wie sie sich fühlt – und weshalb sie sich als Architektin und Baumeisterin ihres eigenen Lebens sieht.

Anja Behnken erzählt, wie sie sich fühlt – und weshalb sie sich als Architektin und Baumeisterin ihres eigenen Lebens sieht.

Damit ihr Körper solche Leistungen erbringen kann, hält sie sich an einen klar strukturierten Ernährungsplan, abgestimmt auf ihr Training: Reis, Fleisch, Fisch, Haferflocken, Eier, Brokkoli – fünf bis sechs Mahlzeiten täglich, immer ähnlich.

Alkohol meidet sie fast vollständig. Stattdessen setzt sie auf eine breite Palette an Supplements.

Nahrungsmittelergänzungen

Der Blick in den Schrank von Anja Behnken. Diese Supplements nimmt sie regelmässig ein.

Der Blick in den Schrank von Anja Behnken. Diese Supplements nimmt sie regelmässig ein.

Vor der Wettkampfsaison wird die Diät – in Rücksprache mit ihrem Trainer Schenk – radikaler. Der Körper soll definierter werden, jeder Muskel sichtbar. Das zeigt sich auch auf der Waage: In der Offseason bringt sie rund 82 Kilo auf ihre 1,69 Meter, kurz vor dem Wettkampf sind es etwa 70.

Doch selbst in «Topform» bleibt der Blick in den Spiegel kritisch. «An manchen Tagen steh ich da und denk: Ich hab keine Muskeln. Total bekloppt.»

Eine Bodybuilderin posiert im Bikini
Die Rückenansicht der Bodybuilderin im Bikini
Die Bodybuilderin auf der Bühne am performen.

«Sobald du aus dem Bild fällst, wird’s schwierig.»

Frau zeigt ihre Medaille von den Mr. Universe Wahlen

Der lange Weg zur echten Stärke

Auch Christine Hämmerli kennt diese verzerrte Körperwahrnehmung. Die heute 44-Jährige aus dem Berner Seeland war jahrelang gefangen in einem Kreislauf aus exzessivem Sport und Bulimie. «Ich habe immer versucht, möglichst dünn, elfenhaft zu sein.»

In den 1990er-Jahren aufgewachsen – geprägt von Supermodels wie Kate Moss – galt Schlankheit als höchste Tugend. 90-60-90 war das Mass aller Dinge. Um diesem Ideal zu entsprechen, erbrach sie bis zu zehnmal täglich.

Sport spielte dabei eine zentrale Rolle. «Ich habe Leistung gebracht bis zur Erschöpfung.» Die körperliche Verausgabung diente nur einem Zweck: Kalorienabbau. «Sport hat es mir erlaubt, zu essen.»

Ohne Disziplin läuft nichts: Christine Hämmerli gibt einen Einblick in das Gewichtheben und erklärt, was sie daran fasziniert.

Ohne Disziplin läuft nichts: Christine Hämmerli gibt einen Einblick in das Gewichtheben und erklärt, was sie daran fasziniert.

Sie entdeckte CrossFit – ein hochintensives Kraftausdauertraining. Im «AMRAP»-Modus («As many reps as possible») absolvierte sie Push-ups, Toes-to-bar, Burpees – ohne Pause, zwei Einheiten täglich waren keine Ausnahme. Mit jedem Training, jedem Lob aus der Gruppe wuchs bei ihr das Gefühl: «Ich habe Kontrolle und mein Körper ist schön, weil er leistungsfähig ist.»

Die Komplimente galten plötzlich nicht mehr ihrer Zartheit – sondern ihrer Stärke. «Ich bekam Anerkennung für das was mein Körper schafft», sagt sie. Das frühere «elfenhafte» Ideal bekam Risse, während ein neues Bild von Kraft und Leistungsfähigkeit Form annahm. Sie wollte nicht mehr dünn, sondern stark sein.

Die Gewichtheberin protokolliert ihr Training in einer Trainingsapp.

Jede Übung, jedes Gewicht wird in einer Trainings-App protokolliert.

Jede Übung, jedes Gewicht wird in einer Trainings-App protokolliert.

Handy, das einen handschriftlichen Trainingsplan zeigt.

Teilweise sind es auch handschriftliche Notizen, die an ein Lösungsblatt aus einer Mathematikprüfung erinnern.

Teilweise sind es auch handschriftliche Notizen, die an ein Lösungsblatt aus einer Mathematikprüfung erinnern.

Doch das äussere Bild – diszipliniert, leistungsfähig, stark – passte nicht zu ihrem Inneren. «Im Heimlichen habe ich weiter erbrochen.» Der Wunsch nach Veränderung wuchs. Mit CrossFit begann für sie der Weg aus der Essstörung.

Als sie  – nach einem dreifachen Leistenbruch – pausieren musste, setzte sie den eingeschlagenen Weg fort: Sie wechselte vom CrossFit zum Gewichtheben. Nicht als Bruch, sondern als nächster Schritt.

Zwei Disziplinen gibt es im Gewichtheben: Reissen und Stossen – technisch anspruchsvoll, körperlich fordernd. Keine isolierten Übungen, sondern über 3000 komplexe Bewegungsabläufe. Im Gewichtheben gilt eine kompakte Statur mit kurzen Gliedmassen als ideal – das erleichtert Stabilität und Kraftübertragung. Hämmerlis lange Arme und ihre grosse Spannweite von 1,81 Metern bei 1,69 Metern Körpergrösse schienen da nicht hineinzupassen. Genau das jedoch faszinierte sie.

Die Sportart hat eine lange Tradition: Gewichtheben war bereits 1896 Teil der ersten Olympischen Spiele. Frauen durften ab 1982 an internationalen Wettkämpfen teilnehmen, erst seit den Spielen in Sydney 2000 gehört Frauen-Gewichtheben offiziell zum olympischen Programm.

Das Reissen (engl. Snatch) ist eine der zwei Disziplinen im Gewichtheben. Dabei wird die Hantel in einer einzigen, durchgehenden Bewegung vom Boden explosiv über den Kopf gebracht – ohne Zwischenstopp auf den Schultern. Hier ist die amerikanische Gewichtheberin Olivia Reeves zu sehen. Sie startet in der Gewichtsklasse bis zu 71 Kilogramm Körpergewicht.

Die International Weightlifting Federation (IWF) hat die Gewichtsklassen 1998, 2018 und 2025 jeweils neu strukturiert. Bei jedem Schnitt wurden alle bisherigen Weltrekorde annulliert und als «alte Kategorie» archiviert. Aus diesem Grund gibt es keine durchgehende  Rekordlinie.

Die International Weightlifting Federation (IWF) hat die Gewichtsklassen 1998, 2018 und 2025 jeweils neu strukturiert. Bei jedem Schnitt wurden alle bisherigen Weltrekorde annulliert und als «alte Kategorie» archiviert. Aus diesem Grund gibt es keine durchgehende  Rekordlinie.

Die International Weightlifting Federation (IWF) hat die Gewichtsklassen 1998, 2018 und 2025 jeweils neu strukturiert. Bei jedem Schnitt wurden alle bisherigen Weltrekorde annulliert und als «alte Kategorie» archiviert. Aus diesem Grund gibt es keine durchgehende  Rekordlinie.

Mit dem Wunsch, mehr zu stemmen, kam auch der Wille, an Körpermasse zuzulegen. Innerhalb eines Jahres erhöhte sie ihr Gewicht von 60 auf 69 Kilogramm. «Das war zu Beginn mental schwierig. Mehr Körpergewicht bedeutete für mich früher Scheitern. Nun bedeutete es, mehr Gewicht technisch versierter stemmen zu können.»

Hämmerli trainierte bis zu dreimal pro Woche – jeweils dreieinhalb bis vier Stunden – plus Wettkämpfe am Wochenende. Sie startete in der deutschen Landesliga Süd in der Gruppenwertung. Im Stossen bewegte sie bis zu 73 Kilo, im Reissen 58.

Die Gewichtheberin macht Deadlifts mit einer Langhantel
Die Gewichtheberin squatet mit einer Langhantel
Die Gewichtheberin beim Squaten in Nahaufnahme.
Frau lacht in die Kamera

«Als Mädchen habe ich versucht, nicht aus der Reihe zu tanzen – und genau das hat mich krank gemacht.»

Fünf Jahre lang folgte sie diesem Rhythmus. Sie fand eine Nische, in der Leistung zählte, nicht das Aussehen.

Doch ihr Körper blieb Projektionsfläche – zwischen Abwertung: «Du siehst aus wie ein Mann», und Bewunderung: «Du hebst mehr als dein Körpergewicht? Krass!»

Im Februar 2021 geriet ihr Leben aus dem Gleichgewicht: Herzrhythmusstörung mit Kammerflimmern, eine ventrikuläre Tachykardie – beinahe ein Herzstillstand.

Seither lebt sie mit einem implantierten Defibrillator. Wettkämpfe sind ausgeschlossen, Überkopfbewegungen nur noch eingeschränkt möglich.

Dieses «Nicht mehr Können» veränderte alles. «Ich musste mich neu erfinden – ohne Wettkämpfe, ohne fixe Strukturen. Das war nicht einfach.»

Noch heute sucht sie das Gleichgewicht zwischen Disziplin und Freiheit. Der Blick zurück ist kritisch: «Als Mädchen habe ich versucht, nicht aus der Reihe zu tanzen – und genau das hat mich krank gemacht.»

Die Füsse von drei trainierenden Gewichtheber*innen sind zu sehen

Auch Anja Zosso kennt den Kampf mit dem eigenen Körper. Die heute 33-Jährige entwickelte früh eine schwere Essstörung. Mit zehn Jahren wurde sie deswegen erstmals hospitalisiert. Später folgten weitere schwierige Phasen – mit 18 musste sie erneut ins Spital und mit einer Sonde ernährt  werden.

Damals wurde auch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

«Ich hatte keine Werkzeuge, um mit Emotionen umzugehen. Also habe ich sie gegen mich selbst gerichtet.»

Frau macht Deadlifts mit einer Langhantel

Heilung über die Hantel

In der Therapie lernte die Bernerin Krafttraining kennen. Eine Möglichkeit, Wut und Schmerz körperlich zu verarbeiten, ohne sich selbst zu verletzen. Sie ging morgens um fünf Uhr ins Gym. «Ich war extrem schüchtern. Ich wollte nicht, dass mich jemand sieht.»

Zunächst versuchte sie es mit Bodybuilding. Doch das System – mit strengen Diätvorgaben und dem Fokus auf einen niedrigen Körperfettanteil – war für sie der falsche Weg. «Das hat mit meiner Geschichte rund um das Essen einfach nicht funktioniert.» Zosso begann mit Powerlifting und fand so zur Sportart, die ihr guttat.

Im Powerlifting geht es nicht um Ästhetik, sondern um maximale Kraft und drei klar definierte Disziplinen: Kniebeuge, Bankdrücken, Kreuzheben. Kein Bühnenauftritt, kein Posing, kein Fokus auf Körperdefinition – nur Leistung zählt.

Wie Anja Zosso mit schweren Gewichten ihre Emotionen reguliert – und warum sie heute Freude an ihrem Körper hat.

Wie Anja Zosso mit schweren Gewichten ihre Emotionen reguliert – und warum sie heute Freude an ihrem Körper hat.

Viele Frauen in der Szene haben ein schwieriges Verhältnis zum Essen hinter sich, weiss Zosso. Sie hat es geschafft: weg von der Selbstzerstörung, hin zu Stärke.

Zosso trainiert heute nicht nur für sich. Ihre eigene Geschichte hat sie motiviert, auch andere zu begleiten. Deshalb absolvierte sie die Ausbildung zur eidg. diplomierten Gesundheits- und  Bewegungsspezialistin und arbeitet im Fitnessbereich als Coach.

Dabei trifft sie regelmässig auf Teenagermädchen, die Kalorien zählen und Social-Media-Bildern nacheifern. Sie kennt diese Muster – aber auch Wege heraus. «Wenn der Zugang stimmt, kann Training heilsam sein. Ein Weg, um sich selbst zurückzuerobern.»

Für Zosso selbst wurde das Krafttraining genau das: ein Wendepunkt. «Ich konnte mir plötzlich erlauben, zu essen – weil es mir half, stärker zu werden.» Die Kontrolle war nicht mehr destruktiv. «Ich wollte ihn nicht mehr klein machen. Ich wollte den Körper nutzen.»

Mit der körperlichen Stärke kam der Wunsch nach Eigenständigkeit. Zosso, zuvor im betreuten Wohnen, zog in ihre erste eigene Wohnung. Davor hatte sie Ausbildungen als Bäckerin-Konditorin und Logistikerin gemacht – doch sie blieb nie lange, zu instabil war ihr Zustand. Erst mit dem Sport kamen Stabilität – und eine berufliche Perspektive.

 Das Training gab ihr Struktur, Sicherheit und Befreiung. Zosso bricht mit dem normativen Schönheitsideal: kein Idealbody, keine Wespentaille, kein «Thigh Gap» – die Lücke zwischen den Oberschenkeln, die lange als Symbol für Schlankheit galt. Stattdessen: grosse Muskeln, sichtbare Kraft.

Frau schiebt Gewicht auf eine Langhantel

«Ich weiss, dass ich nicht dem Schönheitsideal entspreche.»

Rückensansicht einer muskulösen Frau Rückensansicht einer muskulösen Frau

Muskulöse Frau posiert im Gym

Auf Fotos von sich fällt ihr das auf. Aber sie hält es aus – mehr noch: Sie ist stolz. Ein weiter Weg. Früher konnte sie sich kaum im eigenen Körper aufhalten.

Wettkämpfe sind für Anja Zosso mehr als ein sportliches Ziel. Sie geben ihr sichtbare Bestätigung, sind ein Spiegel des Fortschritts. «Es geht um Leistung – nicht ums Aussehen.» Der Moment vor dem Heben, wenn alles stimmt – Technik, Fokus – gibt ihr ein Gefühl von Freiheit.

Anja Zosso am ABS Pro Wettkampf am 2. August 2025 in Dublin // Quelle: www.liftpass.ie

Anja Zosso am ABS Pro Wettkampf am 2. August 2025 in Dublin // Quelle: www.liftpass.ie

Dasselbe gilt für Lia Walser. Die 26-jährige Zugerin kam früh zum Leistungssport – beim Rudern. Auf dem Zugersee trainierte sie im Junioren-Nationalkader, fuhr Rennen in verschiedenen Bootsklassen.

Fünf Mal pro Woche Training, Wettkämpfe am Wochenende. Sie galt als talentiert, ambitioniert, diszipliniert. Und als Leichtgewicht: Bei 1,63 Meter Körpergrösse musste sie unter 59 Kilogramm bleiben, im Team sogar unter 57. «Das Gewicht zu halten, war ein Kampf», sagt sie. Eine konkrete Betreuung zur Ernährung? Fehlanzeige.

Porträit von Lia Walser Porträit von Lia Walser

Walser entschied für sich: So geht es nicht. Der ständige Druck, das Gewicht im Griff zu haben, brachte sie an ihre Grenzen – und prägte ihre berufliche Richtung. Nach dem Lehrabschluss zur Kauffrau absolvierte sie die Ausbildung zur Ernährungsberaterin FH. «Ich wollte verstehen, was dem Körper guttut. Und ich wollte, dass junge Athletinnen nicht dieselben Erfahrungen machen müssen wie ich.»

Heute arbeitet Walser mit Klientinnen, die oft da stehen, wo sie früher war. Überfordert von widersprüchlichen Informationen, fasziniert von Sixpacks auf Social Media, verunsichert durch Diättrends und Selbstoptimierungsdruck. «Ernährungstechnisch ist das eine Katastrophe», sagt sie. «Die Diätkultur ist omnipräsent – überall heisst es: abnehmen, definieren, schlank sein. Wer nicht genau weiss, wie der eigene Körper funktioniert, kann sich schnell in eine ungesunde Richtung bewegen.»

Wissen, was der Körper braucht

Besonders gefährlich findet sie: «Viele zeigen, was sie essen – oder eben, wie wenig. Und kaum jemand redet darüber, was es bedeutet, leistungsfähig zu sein. Vor allem junge Frauen brauchen mehr als eine halbe Avocado am Tag.»

Sie selbst setzt auf ausgewogene, vollwertige Ernährung – mit genügend Kalorien, Proteinen und Kohlenhydraten. «Ich esse viel und regelmässig. Nur so kann ich im Training Fortschritte machen.» Rund ums Training brauche es auch mal Zucker – etwa in Form eines Riegels oder einer Banane. Während des Trainings trinkt sie Wasser mit Kohlenhydratpulver – schnell verfügbare Energie für die Belastung.

Kreatin, Protein, Magnesium, Omega-3 – was ihr Körper braucht, bekommt er. Auch ausreichend Schlaf gehört dazu. «Schlaf ist Regeneration, die gratis zu haben ist», sagt sie. Alkohol trinkt sie selten, Partys interessieren sie kaum. Lieber perfektioniert sie den Milchschaum für ihren Cappuccino. Barista – ihr Ausgleich zum Training.

Krafttraining wird heute längst nicht mehr nur mit Muskelmasse und Ästhetik verbunden. Immer mehr Studien bestätigen seine gesundheitlichen Vorteile – gerade im Kontext von Longevity-Trend, Biohacking und Anti-Aging. Doch die Idee, dass Hanteltraining mehr kann, ist nicht neu. Bereits in den 1980er-Jahren sprach die US-Bodybuilderin Elaine Craig, eine der muskulösesten Athletinnen ihrer Zeit, vom Gewichtheben als Wundermittel: «Weightlifting is the magic pill.»

Im CrossFit fand Walser nach dem Rudern ihre sportliche Heimat. Kombiniert werden Kraft, Ausdauer und Technik.

Die Athletin macht Laufübungen.

Im CrossFit gehören auch turnerische Elemente dazu – etwa der «Butterfly Pull Up» am Reck, bei dem man sich mit Schwung über die Stange zieht. Die Technik kombiniert Körperkontrolle, Rhythmus und Explosivität.

Im CrossFit gehören auch turnerische Elemente dazu – etwa der «Butterfly Pull Up» am Reck, bei dem man sich mit Schwung über die Stange zieht. Die Technik kombiniert Körperkontrolle, Rhythmus und Explosivität.

Sie trainiert sechs Mal pro Woche, nimmt regelmässig an Wettkämpfen teil. Die Leistung zählt – nicht das Gewicht. Walser ist ehrgeizig. «Ich bin sehr kompetitiv. Das wird man nicht so schnell los», sagt sie und lacht.

«Ich mag meinen Körper sehr. Es gefällt mir, Muskeln zu haben.»

Was sie im CrossFit findet: eine Umgebung, in der das zählt, was ihr wichtig ist – Stärke, Disziplin, Fortschritt. Hier wird nicht beurteilt, wie jemand aussieht. Sondern was jemand kann.

Im CrossFit starten viele mit dem Wunsch nach Gewichtsverlust oder Kontrolle über den Körper. Mit der Zeit wandelt sich das Ziel: Weg vom Aussehen, hin zur Leistungsfähigkeit.

Heute, als CrossFitterin, hat Walser sichtbar mehr Muskulatur – und spürt: Das verändert auch die Reaktionen im Umfeld. Besonders jene ihrer Mutter.

«Sie ist beeindruckt von meiner Leistung. Sie freut sich über das, was ich kann. Aber man merkt auch, dass für sie ein schlankerer Körper eher dem entspricht, was sie als schön empfindet.»

Walser sagt das ohne Groll, aber bestimmt: «Ich finde es cool, was mein Körper kann. Und ich finde es gut, wie er aussieht.»

Lia Walser kann sich im CrossFit ausleben – körperlich wie mental wird sie dabei gefordert.

Lia Walser kann sich im CrossFit ausleben – körperlich wie mental wird sie dabei gefordert.

Sie erkennt darin einen Generationenkonflikt. «Ich glaube, für viele Ältere sind sichtbare Muskeln bei Frauen noch immer irritierend.» Jüngere seien entspannter, urteilsfreier. Hauptsache glücklich, Hauptsache gesund.

Mit dieser Einschätzung ist Walser nicht allein. Auch Gewichtheberin Hämmerli macht ähnliche Beobachtungen. Im Vergleich zu ihrem Sohn stellt sie fest: Ältere Generationen bewerten Körper strenger. Jüngere dagegen begegnen Themen wie Körper und Geschlecht entspannter.

In der CrossFit-Community ist diese Haltung normal. Dort zählt, was du kannst – nicht, wie du aussiehst. Freunde aus dem Training verstehen diesen Fokus.

Die Crosfitterin squatet mit einer Langhantel.
Die Crossfitterin lädt Gewichte auf eine Langhantel
Die Crossfitterin dokumentiert ihr Training auf einer App.

Für Ronja Gächter ist das Gym mehr als ein Ort zum Schwitzen. Es ist ihr Zuhause. «Ich mag meine Fitness-Bubble», sagt sie.

Frau lacht in die Kamera

«Dort werde ich einfach angenommen.» Ein Ort, an dem sie ihren Körper nicht erklären und sich für ihren Weg nicht rechtfertigen muss.

Bewegt hat sie sich schon immer viel. Aufgewachsen im freiburgischen Kerzers war sie ständig unterwegs – mit dem Velo, in der Jugendriege, auf dem Reitplatz. Später kam der Laufsport dazu. Vieles war unstrukturiert, wechselhaft, impulsgetrieben – ein Spiegel ihres inneren Zustands, sagt sie.

Ronja Gächter hat im Krafttraining einen Weg gefunden, mit ihrem ADHS umzugehen.

Ronja Gächter hat im Krafttraining einen Weg gefunden, mit ihrem ADHS umzugehen.

Gächter hat ADHS. Die innere Unruhe, das Gedankenkreisen, die Rastlosigkeit begleiteten sie lange. «Früher habe ich gekifft, um meine Energie runterzufahren», erzählt sie. Sport spielte zwar immer eine Rolle – aber nicht als verlässliches Ventil. Erst mit dem Krafttraining änderte sich das.

Nicht das Ideal, sondern der eigene Massstab

«Das war ein echter Shift», sagt 38-Jährige. Ein Wendepunkt, der kam, als sie bei ihrem heutigen Coach ins Training einstieg. Schrittweise begann sie, ihren Alltag neu zu ordnen – liess weg, was ihr nicht guttat. Statt Partys und Ablenkungen setzte sie auf Struktur, Erholung, Training.

Dabei wurde ihr Coach zur Konstante. «Sam kennt mich. Auch meine ‹Mödeli›. Wenn es nicht läuft, ist er da – nicht nur als Trainer, sondern auch als Mensch.» Gemeinsam arbeiteten sie nicht nur am Trainingsplan, sondern auch an der Ernährung – ein sensibles Thema für Gächter.

«Ich war wohl zuckersüchtig», sagt sie. «Am liebsten ‘huere viu’ Dessert.» Lange verstand sie nicht, wie stark der Blutzuckerspiegel ihr ADHS beeinflusst. Heute achtet sie auf mehr komplexe Kohlenhydrate, dafür weniger Zucker.

Damit veränderte sich auch ihr Körperbild. Sie legte an Muskeln zu – und mit der körperlichen Veränderung kam auch ein neues Selbstverständnis.

«Manche Männer geben mir dann das Gefühl, ich sei leicht zu haben – oder besonders offen, nur weil ich Muskeln  und Tattoos habe.»

Wie Gewichtheberin Hämmerli ist auch Gächter von der 90-60-90-er Ära mit Miss Sixty-Hüfthosen geprägt. Damals fühlte sie sich in ihrem drahtigen Körper nicht weiblich. Heute empfindet sie Muskeln als schön – und weiblich. «Ich fühle mich femininer – und ich muss nicht super definiert sein.»

Die Athletin macht Laufübungen.

Diszipliniert arbeitet Ronja Gächter an der sauberen Ausführung der Laufschulübungen.

Diszipliniert arbeitet Ronja Gächter an der sauberen Ausführung der Laufschulübungen.

Im Sommer liegt sie oft im Berner Marzilibad – im Brazilian Bikini. Nicht, um sich zu inszenieren, sagt sie. Sondern weil sie stolz auf ihren Körper ist. «Ich stehe zu meiner Femininität. In vielen südlichen Ländern ist das ganz normal.» Sie zeigt sich, weil es sich für sie richtig anfühlt. «Ich bin zufrieden mit mir – also zeige ich mich auch gern.»

Doch nicht alle sehen das so. «Manche Männer geben mir dann das Gefühl, ich sei leicht zu haben – oder besonders offen. Nur weil ich Muskeln und Tattoos habe.»

Auch in den sozialen Medien gilt oft ein anderer Blick auf den Körper: viel nackte Haut, viel Pose. Perfekte Winkel, definierte Bäuche, kein Gramm Fett. Besonders Frauen stehen unter dem Druck, gleichzeitig stark, sexy und makellos zu erscheinen.

Gächter kann damit wenig anfangen. Für sie zählt, was ein Körper kann – nicht, wie er aussieht.

Die Athletin macht Übungen am Boden und hebt die Hüfte.
Die Athletin macht eine Armübung mit Gummibändern.
Die Gewichtheberin beim Squaten in Nahaufnahme.
Ein Frau trainiert mit Kurzhanteln

Als ausgebildete Mobility-Trainerin – spezialisiert auf funktionelle Bewegung, Prävention und Rehabilitation – sieht sie, wie viele ihrer Kundinnen und Kunden mit Schmerzen oder Dysbalancen kämpfen. Für sie zählt nicht Ästhetik, sondern Beweglichkeit, Kraft und Alltagstauglichkeit. Dass sie selbst schwere Dinge tragen kann oder im Alltag weniger schnell ermüdet, bedeutet ihr mehr als jede Instagram-Perfektion.

Darum auch der Fokus auf den Sprint. Für sie ist es die Königsdisziplin – komplex, fordernd, präzise. Die Entscheidung kam in einer Phase, die sie selbst als kleine Midlife-Krise beschreibt: Sie suchte eine neue Herausforderung, etwas, das sie fordert. «Wenn es mir nur um Ästhetik ginge, würde ich wohl kein Sprinttraining machen», sagt sie.

Ronja weiss, dass ihr Körper auffällt. Zu viel Muskel, zu wenig Konformität. Sie spürt die Blicke – im Gym, im Freibad, auf Social Media.

Auch für sie gilt: Sich den Werten der Gesellschaft anzupassen, war nie ihr Ziel. Sie trainiert nicht, um ins Bild zu passen. Sie trainiert, weil es ihr entspricht. Und ganz nebenbei dehnt sich dadurch das gesellschaftliche Raster – es entsteht Raum für Frauen, deren Körper bislang nicht selbstverständlich darin vorkommen.

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